Review of: Tante Bumst

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On 02.01.2021
Last modified:02.01.2021

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Tante Bumst

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Die einzige der Schwestern, die nicht wasserstoffblond und nicht verheiratet war. Die ledige Mutter war, in einer echten Grossstadt lebte, berufstätig war — sie arbeitete in der Altenpflege — und als erste in der Familie einen Telefonanschluss hatte.

Eine Tante, die mit ihren grünen Augen und langen schwarzen Haaren aussah wie die Zigeunerin, die ich auf Ölbildern im Kaufhaus gesehen hatte.

Die hohe Absätze, lackierte Fingernägel und tiefe Ausschnitte liebte, zu Verwandtenbesuchen vorzugsweise per Anhalter anreiste und, wie ihre Schwestern behaupteten, in der Lage war, sich über drei Tische hinweg mit einem Mann allein durch Blicke zu verabreden, ohne dass seine daneben sitzende Ehefrau etwas davon mitbekommen hätte.

All das entsprach meiner Idealvorstellung vom Erwachsensein. Allein die Expeditionen zur Hauptpost, von der aus wir Tante Gisela gelegentlich anriefen, waren ein Ereignis.

Mit Spannung warteten wir darauf, dass der Postbeamte eine Verbindung herstellte und das Telefon in der engen Kabine endlich klingelte, wo wir uns um den Hörer rissen, weil jeder kurz mit Tante Gisela sprechen wollte.

Wenn sie uns besuchte, war das nicht der übliche langweilige, nicht enden wollende Sonntagnachmittagbesuch mit Kuchen und Schlagsahne, sondern ein rauschendes Fest, denn Tante Gisela war immer guter Laune — nie kritisierte sie andere, nie beschwerte sie sich.

Trunken vor Wiedersehensfreude sassen wir im Wohnzimmer, Tante Gisela hatte Geschenke für alle mitgebracht, es war wie Weihnachten und Ostern an einem Tag, das Zimmer quoll über vor Geschenkpapier und Schleifen und Kartons.

Mit roten Wangen packten wir jubelnd aus, obwohl die Schwestern genau wussten, dass sie das Gleiche bekommen würden, nur in verschiedenen Farben: eine Schmuckschatulle oder ein Nageletui und ich einen kleinen Erste-Hilfe-Koffer.

Zu meinem Bedauern blieb Tante Gisela nie lange. So gross die Freude der Schwestern über ihr Wiedersehen war, so gross war Tante Giselas Erleichterung, wenn sie wieder abreisen konnte.

Mal schlief sie zu lange, mal hinterliess sie im Badezimmer lange, schwarze Haare, mal hatte sie sich über die kurzen Fingernägel ihrer Schwestern lustig gemacht.

Knackwurstfinger, hatte sie gesagt. Kein anderes Mädchen ausser ihr habe lange Hosen getragen, hiess es von Tante Gisela.

Ich sah darin ein Zeichen der Verbundenheit, auch ich wollte Hosen und keine Röcke tragen, weil ich so dünne Beine hatte: Storchenbeine, sagten meine Onkel, und ich hasste sie dafür.

Meine Tante hatte die langen Hosen schon vor dem Krieg getragen. In Schlesien. Also in jener Welt, die bereits versunken war, als ich geboren wurde.

Die Gisela hat sich schon immer durchgesetzt, sagte meine Mutter und erzählte Geschichten, in denen Tante Gisela wie ein Fabelwesen auftauchte, Geschichten, die von dem Krieg, der Flucht und dem, was die Schwestern ihr Zuhause nannten, handelten, also dem, was für mich so fern und rätselhaft war wie ein Schwarzes Loch.

Schon damals habe sich Tante Gisela durch besondere Kühnheit ausgezeichnet, hiess es: Als eine Schwester sich ohne ihre Erlaubnis ihr Kleid auslieh und damit zum Tanzen ging, sei Tante Gisela hinter ihr hergeradelt und habe ihre Schwester vor aller Augen gezwungen, das Kleid wieder auszuziehen.

Und als die Familie vor den Russen flüchten musste, habe meine Tante beschlossen, ihr Glück allein zu versuchen, weshalb sie sich auf den ersten Soldatenwagen setzte und gen Westen fuhr, bis mein Grossvater sie am nächsten Kontrollposten festnehmen liess.

Als ein durchreisender Soldat meiner Tante einen Totenkopfring schenkte, habe sie sich selbst dann nicht davon trennen wollen, als mein Grossvater drohte, ihr den Finger abzuschneiden.

Und als jenes Russenweib es wagte, meiner Tante Vorschriften zu machen, wurde sie von ihr verprügelt und zerkratzt: Das sind meine Pistolen! Worauf der russische Kommandant höchstpersönlich die Füsse und Hände meiner Tante fesselte und ihr die Fingernägel abschnitt, mit einem Taschenmesser.

Und danach meinen Grossvater halbtot prügelte. Das war Tante Gisela. Andererseits sei sie es gewesen, die später auf der Flucht ihre Mutter und ihre Schwestern vor dem Verhungern gerettet und in den Westen gebracht habe, damals.

Ohne die Gisela hätten wir nicht überlebt, sagte meine Mutter immer. Und deshalb sahen ihr die Schwestern die langen Haare, das Per-Anhalter-Fahren und das lange Schlafen nach.

Jedenfalls manchmal. Tante Gisela trug Blumenkleider mit Volants und Gepunktetes und hohe Absätze, und ich liebte sie dafür, denn sie hatte so kleine Füsse, dass mir ihre Schuhe schon als Kind passten.

Wenn wir sie in Hamburg besuchten, lief ich morgens auf ihren Zwölf-Zentimeter-Absätzen zum Bäcker, um Brötchen zu holen. Als sich meine Tante das Wadenbein brach und ihr Fuss in Gips gelegt wurde, trug sie am anderen Fuss weiterhin ihren Stiletto mit Eisenabsatz.

Die Schwestern machten sich mit engen Sommerkostümen reisefertig, ich trug ein Sommerkleid und schämte mich wie immer meiner dünnen Beine. Auf der Insel herrschte eine Windstärke, bei der wir uns kaum auf den Beinen halten konnten, weshalb sich das von meiner Tante mit Optimismus mitgeführte Federballspiel schnell als überflüssig erwies.

Auch hatte Tante Gisela nicht bedacht, dass Helgoland in der Hauptsaison ausgebucht sein könnte, weshalb wir nach stundenlangem Herumirren am Ende im Obdachlosenheim übernachten mussten.

In Doppelstockbetten, die an Gefängnispritschen gemahnten. Starr vor Scham lag ich unter kratzigen, grauen Filzdecken und beschloss, niemandem von dieser Schmach zu erzählen.

Aber am nächsten Tag fand ich am Strand Muscheln und Seesterne, was mich mit Helgoland wieder versöhnte. Die organisatorischen Defizite der Reise wurden meiner Tante jedoch noch Jahrzehnte später zur Last gelegt.

Tante Gisela war es auch, zu der ich meinen ersten längeren Ausflug mit meinem Jugendfreund machte: Ich war sechzehn, er achtzehn.

Wir fuhren bei Tempo achtzig in einem NSU Prinz nach Hamburg, schliefen inmitten von Trockenblumensträussen, unverrückbaren Polstermöbeln, Porzellanpuppen, Keramikkatzen und Häkeldeckchen im Wohnzimmer meiner Tante und hatten Sex in der Badewanne.

Und meine Tante tat so, als sei das gemeinsame Baden eine begrüssenswerte Massnahme zur Wasserersparnis. Und selbst wenn mein Freund Tabakkrümel von seinen selbstgedrehten Zigaretten hinterliess oder ich auf unachtsame Weise die Jacke auszog, worauf ein Trockenblumenstrauss ein paar Blätter verlor, sagte meine Tante nur: Macht nichts.

Obwohl Tante Giselas Erfolg bei den Männern legendär war, lebte sie mit keinem Mann zusammen. Sie interessierte sich weder für das Kochen noch für das Hemdenbügeln.

Sie bot nicht mehr als grüne Augen, schwarze Haare und Schwung beim Cha-Cha-Cha. Und die Männer wollten nichts anderes. Einmal sei meine Tante in Begleitung eines Mannes zu Besuch gekommen, aber der Mann, in dem ihre Schwestern bereits einen zukünftigen Verlobten sahen, stellte sich im Laufe des Abends lediglich als LKW-Fahrer heraus, der meine Tante ein Stück mitgenommen hatte.

Und meine Mutter erzählt noch heute, wie Tante Gisela während eines Spaziergangs vergeblich nach einem Papierkorb suchte, in den sie ihre leere Pommes-frites-Schale werfen konnte.

Als sie an einer Polizeiwache vorbeikam, schritt Tante Gisela auf den Spitzen ihrer Pumps über den Rasen zu dem Polizisten, der am Fenster stand, und legte ihm die leere Pommes-frites-Schale mit den Worten in die Hand: Herr Wachtmeister, können Sie mir das mal eben abnehmen?

Und der Blödmann hat ihr das tatsächlich abgenommen! Als ich erwachsen war, zog ich nach Hamburg, da war meine Tante gerade Rentnerin geworden.

Sie trug zwar immer noch hohe Absätze und lange, lackschwarze Haare, aber die grenzenlose Freiheit ihres neuen Lebensabschnitts schien ihren Tatendrang zu lähmen.

Sie verbrachte ihre Tage mit Kreuzworträtseln, Gobelinstickerei und noch ausgiebigerem Schlaf und ging nicht mal mehr tanzen.

Ein schweres Krankheitsbild. Manchmal lud ich meine Tante ins Restaurant ein oder kochte etwas für sie, obwohl ich spürte, dass sie eigentlich nur ass, um mir einen Gefallen zu tun.

Mehrmals fuhr Tante Gisela sogar mit ihren Schwestern in Urlaub, nach Spanien und nach Ischia, aber wenn gelegentlich etwas Unternehmungslust in ihr aufflackerte, sagten ihre Schwestern: Mit deinen nackten Brüsten gehen wir nicht in den Speisesaal!

Um sich kurz darauf mit einem im Speisesaal sitzenden Mann zu verabreden, ohne grosse Überzeugung, nur so, als kleine Aufwärmübung, um zu sehen, ob die Sache mit den Blicken noch funktionierte.

Dann zog ich von Hamburg nach Italien und telefonierte nur noch ab und zu mit meiner Tante. Monate vergingen, Jahre, und Tante Gisela trank roten Tee und hatte schon alle Schwestern mit ihren Gobelins beglückt, mit Vermeers Dienstmagd mit dem Milchkrug, mit Spitzwegs armem Poeten und den verregneten Landschaften niederländischer Meister, als sie alle noch einmal überraschte und ihre Vorbildrolle für mich festigte: Tante Gisela kam ohne Stickzeug, dafür aber mit einem Mann zu Besuch.

Ein Mann, der kurz zuvor bei ihr eingezogen war, was zur Folge hatte, dass sie sich von ihren Trockenblumensträussen, Keramikkatzen und Porzellanpuppen getrennt hatte.

Es war also durchaus etwas Ernstes. Da war Tante Gisela fast siebzig Jahre alt. Der Mann, der das Wunder vollbracht hatte, hiess Fritz, war gross, charmant und elegant, ein Kavalier alter Schule, der aussah, als sei er allein für meine Tante geschaffen worden.

Der mit ihr lachte und sie Giselchen nannte, der sie verehrte und beschenkte und mit ihr auf Reisen ging, zu den Pyramiden nach Ägypten, nach China, Andalusien, Sankt Petersburg und Moskau.

Für Gobelinstickerei hatte meine Tante keine Zeit mehr, denn wenn sie nicht reiste, dann kochte sie. Einmal rief sie mich sogar an und fragte mich nach dem Rezept eines Gerichtes, das ich ihr hin und wieder gekocht hatte: Das mit den Suzukis und den Advocados, sagte sie.

Und wenn sie weder reisten noch kochten, dann schnitten Tante Gisela und Fritz ihre Videofilme, deren Markenzeichen die Stimme meiner Tante im Off war.

Beim nächsten Besuch wurden die Dokumentationen vorgeführt. Gleich wird er sich umdrehen und zurückkommen. Fritz, Fri-hitz! Eines Tages besuchte mich Tante Gisela mit Fritz in Venedig.

Sie kamen mit dem Motoscafo am Anleger nahe der Piazza San Marco an. Ich sah sie schon von weitem.

Meine Tante trug ein enges schwarzes Kostüm mit weissen Punkten, eine weisse Rüschenbluse und einen weissen Hut. Die Absätze ihrer Sandaletten waren so hoch, dass sie sehr eindrucksvoll schwankte, sämtliche Männerarme reckten sich ihr entgegen, die der Wassertaxifahrer, der Bootsjungen und der amerikanischen Mitreisenden, und wenn die Gondolieri und Muranoglasschlepper auch noch auf die Brücke des Anlegers gepasst hätten, dann hätten sie ebenfalls versucht, meiner Tante beim Verlassen des Motoscafo behilflich zu sein.

Dann löste sie sich aus den Armen von Fritz, der begeistert filmte, wie meine Tante über den Holzsteg balancierte und sich in die ihr entgegengestreckten Männerarme warf.

Da war meine Tante fast achtzig. Ich vertraute der Tante. Wir schoben nach drüben. Wir blieben einen Augenblick am Verkaufsstand für Emaille Geschirr stehen.

Die Tante zog vor, die Treppe zu benutzen, aus Vorsicht. Es sei einmal ein junger Mann im Aufzug zerquetscht worden.

Diese Legende geht von jedem Aufzug. Wir waren geschmeichelt und gingen in die bezeichnete Richtung. Überhaupt bereute ich ein wenig meine Bereitwilligkeit, die Tante zu diesem Blusenkauf zu begleiten.

Solche Aufzüge bleiben schon mal stecken, dann verhungern die Insassen. Das ist auch so eine Legende, die man sich von jedem Aufzug erzählt.

Natürlich entsprach der Stoff, den man der Tante auf der vierten Etage vorlegte, keineswegs ihren Wünschen und Absichten. Was man ihr da zeigte, war doch Wolle, was für Dienstboten zu Weihnachten, aber nicht für eine Staatsbluse der gnädigen Frau zu gebrauchen war.

Jetzt kam es heraus; die Tante wollte eine seidene Bluse bzw. Das war auch so eine Legende, die die Tante bewog, das gefährliche Vehikel nicht zu benutzen.

Ich sagte leise das kleine Einmaleins auf und berechnete aus dem Wachsen meines Bartes, wie lange wir uns bereits hier in dem Warenhause befanden.

Durch das Treppensteigen bekam ich ein müdes Gefühl in den Kniekehlen, wie wenn ich dreimal hintereinander das Matterhorn bestiegen hätte, ein Klavier mit Lehrer im Rucksack.

Das durfte Herr Cohn nicht sehen. Meine Lethargie wich ein wenig. Es war aber noch nicht aller Tage Abend! O, ich Kleingläubiger! Oft blieb der Rock an einer Sprosse hängen, welches Malheurchen ein graziöses Beinchen mir entgegenkommend dekolletierte.

Die Tante setzte sich ihre Brille auf, die sie aus einem Lederetui hervorzog. Ich putzte meinen Kneifer — hm, hm, ich musste doch der Tante behilflich sein!

Ein Meer von Farben ergoss sich über die Theke. Etwa mal lief sie, begleitet von einer Verkäuferin, die immer durch eine neue ersetzt werden musste, da sie haufenweise vor Ermattung zusammenbrachen, die Strecke von der Seidenabteilung bis zum Ausgang.

Ich rannte im Anfang getreu als Sachverständiger für Farben mit ich bin Mitglied des Sonderbundes, Beitrag 10 Mark, war zur Untersuchung im Irrenhaus, weil ich aus mir selber geraten habe, wo auf einem futuristischen Gemälde von Marinetti der Gärtner war , verlor dann aber die Lust zu rennen, nahm mir ein Auto und fuhr neben der Tante hin und her.

Die Tante konnte sich nicht schlüssig werden. Wie unter einem unerbittlichen Schicksal raste sie hin und her, den armen Verkäuferinnen zum Verderben.

Alle Farben der Welt zogen vorbei, nur kein Blau, was die Tante von vornherein nicht wünschte. Nun fiel ihr ein, dass es ein bestimmtes Blau gebe, was ihr sehr gut zu Gesicht stände.

Ob man dieses Blau habe? Einige der Verkäuferinnen, die aus den Strapazen der Rennerei ihr schwaches Leben gerettet hatten, schleppten sich an die Regale und erklärten mit müden Stimmen, blaue Stoffe seien auf der zehnten Etage.

Die Herrschaften möchten sich hinaufbemühen. Ich habe mit dem Nordpolforscher Cook den Mount MacKinley in Lackschuhen bestiegen; jetzt schauderte mir vor der zehnten Etage.

Die Tante war nicht zu bewegen, den Lift zu benutzen. Sie machte sich, trotz ihrer geschwollenen Ballen, an den Treppenaufstieg zur zehnten Etage.

Ich drückte mich in den Aufzug und war schnell und mühelos bald oben. Drei Wochen später kam die Tante an, die alte eiserne Energie, Stoff für eine Bluse zu kaufen, in den Zügen.

Sie erinnerte an Bismarck, wenn er etwas durchsetzen wollte. Pfadfinder wiesen uns den Weg zum blauen Stoff. Der Stand befand sich 21 Kilometer von der Treppe und dem Lift.

Ja, dieses Warenhaus war von enormen Dimensionen; es stellte in seiner bebauten Fläche Elsass-Lothringen in den Schatten. Es gab etwa zehn verschiedene Blau.

Natürlich mussten diese Stücke auch wieder dem Tageslicht ausgesetzt werden. Das hätte Monate gedauert, wenn die Tante die zehn Treppen hin- und her gestiegen wäre.

Sie wurde chloroformiert und mit dem Aufzug befördert. Endlich, es war eine Erlösung, etwa wie der Friedensschluss zu Münster nach dem 30jährigen Krieg um , als die Tante das Blau fand, was ihr so gut zu Gesicht stand.

Eilfertig nahm ein Fräulein in Schwarz einen Zollstock, um dieses Quantum abzumessen.

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